/
 

hope

hope

Hope Hotel Krone 2020

Es war schon immer mein Wunsch, in einem Hotel zu wohnen. Corona macht es möglich. Während dem Lock down taucht meine Mitbewohnerin in eine Ramadan Kur ein und beansprucht plötzlich die ganze Wohnung für sich allein. Was nun? In der Tagespresse entdecke ich das Angebot des Hotels Krone für eine Zwischennutzung und ich schnappe mir diese Gelegenheit.

Karin zeigt mir das Zimmer, und zwar das einzig freie im obersten Stock. Ich sehe auf die Limmat, sehe, wie das Wasser langsam stadtauswärts fliesst, bin begeistert und ziehe sofort ein. Das Zimmer ist lichtdurchflutet. Ich fühle mich sofort zuhause. Das Zimmer besteht nur aus einem grossen Bett. Ich hatte noch nie ein so grosses Bett. Zwei Meter breit und zwei Meter lang. Zwei kleine Lämpchen auf der Seite. Dunkelblaue Vorhänge. Diese entferne ich sofort. Nun verstellt nichts mehr meinen Blick nach draussen auf die Limmat und die Stadt. Das Zimmer hat zwei Fenster. Eines rechts und eines links. Das linke blickt auf eine kleine Gasse hinaus und ich höre das Gurren der Tauben. Auch bei geschlossenem Fenster nehme ich alle Geräusche der Stadt wahr und sie beruhigen mich. Trotz Lock down ist immer etwas los. Die Trams fahren im Halbstundentakt. Die Bar unter mir ist geschlossen. Auf der Strasse flanieren Menschen friedlich der Limmat entlang. Das Brünneli im Zimmer tropft. Zum Einschlafen zähle ich die Tropfen. Nie erinnere ich mich, wie viele ich zähle. 
Das Einzige, das mir im Zimmer nicht gefällt, sind die zwei Bilder an der Wand. Radierungen der Limmatstadt. Ich hänge da meine Kleider hin. Die Kleider berühren mich. Sie vermitteln ein Gefühl zwischen Geborgenheit und Einsamkeit. Zwischen aufgehoben und verloren. Zwischen einsam und verbunden.
Klar bin ich nicht alleine im Hotel. Es hat auch Gäste, die normal gebucht haben und auch einige wie ich, die im Hotel eine spezielle Wohnsituation haben. 

Die Lounge ist ein nostalgisches altes Stübli. Dort begegnet man sich beim Homeoffice, Kaffee, Frühstück oder auf einen Schwatz. Mit dem Bademeister zum Beispiel, der immer ganz früh losgeht. Obwohl die Badeanstalt geschlossen ist, er muss sie auf die Saison vorbereiten. Sein Kühlschrank ist voll mit Esswaren mit roten Punkten. Er ernährt sich ausschliesslich im Verfalldatum. 

Alexandros aus Kreta nimmt zum Frühstück immer zwei gekochte Eier, meistens auch Speck. Er arbeitet im Take Away vis-à-vis vom Hotel und bringt von dort manchmal Essen mit. Der schöne Mann mit gekraustem Haar studiert Literatur. Wir sprechen über Camus, die Pest und Dekameron. Das passt. In Zeiten von Corona versteht man diese Bücher besser, weil man fast in derselben Situation ist, sage ich etwas ironisch. Ich lese mehr als üblich und bin viel mehr in Gedanken als sonst. 


Leider kann ich die Küche nicht benutzen. Nichts geht mehr, nur die Waschmaschine funktioniert noch. Ich habe immer Angst, dass mir eine Ratte über den Weg läuft.

Ich ernähre mich ausschliesslich kalt.Der Bademeister kauft eine Kochplatte. Einmal versuche ich darauf eine Polenta zu kochen. Aber Karin meint, wir sollen lieber nicht zusammen kochen wegen Covid-19.
Es gibt auch verwirrte Gäste im Haus. Einer stand mitten in der Nacht nackt im Korridor und fand seine Türe nicht mehr. Na ja – ich kann ihm nicht helfen und flüchte mich in mein Zimmer und überlege mir, ob er es wohl in sein Zimmer geschafft hat oder ob er die ganze Nacht nackt im Korridor rumsteht.

Am Morgen erzähle ich dem jungen Studenten an der Rezeption, der Teilzeit arbeitet, von dem Vorfall. Er sagt, dass der Gast schon früh morgens gegangen sei. Am nächsten Tag verlasse ich das Hotel Krone etwas wehmütig um weitere Wege zu gehen.

 

 

 

 

hope hotel zürich 2020

hope